
Christina Bossauer, B. Sc.
Referentin Bildungsmanagement, Albertinen Akademie
Org. Tagungsleitung PdT Langeoog, Albertinen Akademie
Vormittagsseminare Montag bis Donnerstag von 11:30 bis 13:00 Uhr. Die Gebühr beträgt 190 Euro zuzüglich zum Grundbetrag.
Für die Teilnahme an den Vormittagsseminaren werden Fortbildungspunkte beantragt.
(Mo – Do 11:30 bis 13:00 Uhr)
In diesem Seminar werden von Montag bis Donnerstag die Hauptvorträge gemeinsam mit den Vortragenden und dem Seminarleiter aufgegriffen, vertieft und diskutiert.
Somit besteht die Möglichkeit, im gemeinsamen Gespräch das im Vortrag Gehörte deutlicher an die eigene klinische Expertise und Erfahrung anzuknüpfen, jedoch auch weitere gesellschaftliche, politische und klinisch-praktische Fragen zu entwickeln und zu
diskutieren. Hieraus können Erkenntnisse zur Verschränkung von Psychotherapie und gesellschaftlicher Realität entstehen. Auf diese Weise nehmen Sie am zentralen Diskurs der Psychodynamische Tage Langeoog teil.
Herr Prof. Dr. med. Reinhard Lindner bietet auch ein Kurzseminar an (K02)
Prof. Dr. med. Reinhard Lindner
(Mo – Do 11:30 bis 13:00 Uhr)
Alfred Adler (1870–1937), ein Zeitgenosse Freuds und Begründer der Individualpsychologie, setzte sich in seinen psychoanalytischen Schriften intensiv mit dem Begriff des „Gemeinschaftsgefühls“ (social interest) auseinander. Für ihn war der Mensch kein isoliertes Wesen, sondern von Grund auf auf seine Mitmenschen bezogen.
Seine Schüler, darunter auch der Schriftsteller Manès Sperber (1905–1984), griffen diese Gedanken später auf und führten sie weiter. Manès Sperber, von dem das obige Zitat stammt, sah im Gemeinschaftsgefühl ein stetes Bezogensein auf die Mitmenschen.
Beim Gemeinschaftsgefühl geht es nicht um Anpassung an den Mainstream, sondern um gelebte Mitmenschlichkeit. Diese kann durchaus auch Widerstand gegen vorherrschende Strömungen bedeuten – insbesondere dann, wenn diese ein unmenschliches, intolerantes oder respektloses Miteinander begünstigen.
Wie lässt sich dieses grundlegende menschliche Bedürfnis vor dem Hintergrund persönlicher, sozialer und weltpolitischer Krisen verwirklichen?
Was verstehen wir heute unter Gemeinschaftsgefühl?
Bedeutet es solidarisches Handeln, Mitmenschlichkeit – oder auch solidarischen Widerstand?
Nach einer kurzen Einführung in die Theorie der Individual psychologie bietet der Workshop Raum, um sich über Erfahrungen aus Praxis und Alltag im Hinblick auf das Gemeinschaftsgefühl auszutauschen.
Dr. Isolde de Vries
Dipl.-Psych. Georg Teßmann
(Mo – Do 11:30 bis 13:00 Uhr)
Ein Theorie-, Film- und Fallseminar.
Wenn die therapeutische Beziehung ein wichtiger Wirkfaktor psychotherapeutischer Behandlung ist und diese Beziehung von gegenseitigem Vertrauen und Augenhöhe getragen sein soll, stellt sich die Frage: Wie weit trägt Solidarität in der Arbeit mit antisozialen Patient:innen? Die Identifikation mit diesen Patient:innen ist herausfordernd, denn die therapeutische Person wird mit eigenen Abgründen konfrontiert und ist häufig starken Gegen übertragungsgefühlen ausgesetzt: kalter Wut, Hass, Ohnmacht und Angst, aber auch Faszination, Begehren und Neid. Die therapeutische Beziehung schwankt dabei nicht selten zwischen Verführung und paranoiden Ängsten.
Anhand des Kernbergschen Modells der Persönlichkeitsorganisation beleuchtet das Seminar das Spektrum von der malignen narzisstischen Persönlichkeit bis zur klassischen Psychopathie und veranschaulicht dies durch Filmausschnitte und Fallbeispiele. Ziel ist es, maligne narzisstische und antisoziale Persönlichkeitszüge zu erkennen, psychopathologisch einzuordnen und mit den eigenen Gegenübertragungsgefühlen konstruktiv umzugehen. Der eigene therapeutische Handlungsspielraum soll reflektiert und abgesteckt werden. Das Einbringen eigener Vignetten ist ausdrücklich erwünscht.
Annika Flöter
(Mo – Do 11:30 bis 13:00 Uhr)
Viele autistische Menschen erhalten ihre Diagnose erst spät – oft nach Jahren mit Fehldiagnosen und einer Erschöpfung, deren Ursache lange unklar bleibt. Ein zentrales Phänomen dieser Biografien ist das sogenannte Masking: Die hochentwickelte, meist nicht bewusste Fähigkeit, das eigene neurodivergente Anderssein zu verbergen und vermuteten sozialen Erwartungen zu entsprechen. Was als Anpassungsleistung beginnt, wird zur massiven Belastung und mündet nicht selten in einen autistischen Burnout.
Masking ist auch Ergebnis früher Beziehungserfahrungen wechselseitigen Nicht-Verstehens („double empathy“): Autistische Kinder erleben ihre Wahrnehmungs- und Affektwelt nicht ausreichend gespiegelt, Bezugspersonen sehen das Kind konflikthaft als
„anders“. In dieser Konstellation fehlt es an Solidarität mit dem neurodivergenten Selbst – innerlich wie äußerlich. Wer jahrzehntelang maskiert, lernt, eigene Wahrnehmungen und Bedürfnisse zugunsten antizipierter Anforderungen des Gegenübers zu über schreiben. Der Weg hin zu einem Selbstverständnis, in dem das autistische Selbst nicht mehr verborgen werden muss, wird zum zentralen therapeutischen Thema.
Im Seminar soll es um diagnostische, psychodynamische, behandlungspraktische und beziehungsdynamische Perspektiven gehen: Von der diagnostischen Blindheit gegenüber gut angepassten autistischen Erwachsenen über die Psychodynamik der Selbstentfremdung und konkrete Akkommodationen im therapeutischen Setting
bis hin zur Gegenübertragung.
Das Jahresthema „Solidarität!?“ erscheint damit doppelt: Als Frage an die Patient:innen und an die therapeutische Haltung.
Methodisch arbeitet das Seminar mit theoretischem Input, dem Bericht aus einer themenbezogenen, am Mentalisierungskonzept orientierten Gruppentherapie sowie Beiträgen der Teilnehmenden.
Dr. Claas Happach
(Mo – Do 11:30 bis 13:00 Uhr)
Ende der 1970er Jahre veröffentlichte der Psychoanalytiker Horst Eberhard Richter das Buch „Lernziel Solidarität“, in dem er sich mit der Entwicklung eines Bewusstseins für gegenseitige Verantwortung, Empathie und gesellschaftlichen Zusammenhalt auseinandersetzte. Diese positive Konnotation des Begriffs ist heute keineswegs selbstverständlich. Solidarität hat viele Gesichter, und nicht alle meinen das Gleiche, wenn sie diese Vokabel verwenden.
Zu Corona-Zeiten gab es vorgegebene Regeln, etwa zu Hause zu bleiben oder soziale Kontakte einzuschränken, um insbesondere ältere und vulnerable Menschen zu schützen, für die das neue Virus als besonders gefährlich eingestuft wurde. Im Zeichen der Solidarität mit diesen vulnerablen Gruppen durften Kinder beispielsweise zeitweise nicht in die Kita, die Schule oder zu Freizeitaktivitäten gehen, wobei ein erheblicher Teil der zusätzlichen Betreuungsarbeit von den Müttern übernommen wurde. Einen gesellschaftlichen Konsens über die Notwendigkeit und Angemessenheit dieser Maß
nahmen gab es nicht. Viele Menschen erlebten sich fremdbestimmt und sozial kontrolliert, empfanden einen hohen sozialen Druck und fürchteten Einschränkungen ihrer Autonomie. Damit gingen auch verstärkte Konflikte in Familien und Paarbeziehungen einher, mit deren Auswirkungen wir zum Teil noch heute in unserer Arbeit zu tun haben.
Anhand eigener Erfahrungen, Fallberichte aus der Einzel-, Paar- und Familientherapie sowie literarischer Texte wollen wir uns mit dieser Problematik beschäftigen, in einen gemeinsamen Austausch- und Erfahrungsprozess kommen, uns mit unterschiedlichen Haltungen auseinandersetzen und ein gemeinsames Verstehen erarbeiten.
Wir werden mit unterschiedlichen Medien in der Großgruppe, in Kleingruppen, ggf. zu dritt oder zu zweit arbeiten. Voraussetzung für die Teilnahme an dieser Art der Arbeit ist, sich darauf einlassen zu wollen.
Dipl.-Soz.-Päd. Angelika Holderberg
(Mo – Do 11:30 bis 13:00 Uhr)
Die Einschätzung der Persönlichkeitsorganisation bedeutet, Beeinträchtigungen grundlegender psychischer Funktionsbereiche zu erkennen, und ist für Indikationsstellung, Behandlungsplanung und Prognose von zentraler Bedeutung.
Entlang des Strukturierten Interviews zur Persönlichkeitsorganisation (STIPO-R) erarbeitet das Seminar anhand von videobasiertem Fallmaterial die zentralen Dimensionen der Persönlichkeit: Identität und Beziehungsfähigkeit, Sexualität und Intimität, Aggression, Abwehr und narzisstische Pathologie.
Das Interview wird im Verlauf des Seminars selbst erprobt; ergänzend wird das Adult Attachment Interview (AAI) als weiterer diagnostischer Zugang vorgestellt, der mit seinem besonderen metalinguistischen Blick zeigt, wie valide Diagnostik über das gesprochene Wort hinausreichen kann. Zentral sind auch der Einbezug der inter
personellen Szene und Aspekte der Gegenübertragung.
Prof. Dr. Leonie Kampe
(Mo – Do 11:30 bis 13:00 Uhr)
Wie wird Solidarität in der Gruppe erlebt? Anhand der Theorien von S. H. Foulkes, W. R. Bion oder Fritz Perls soll beleuchtet werden: Wie kann die/der Einzelne sich in der Gruppe entwickeln und erleben – und welche unbewussten Prozesse tragen dazu bei, dass
Zusammengehörigkeit (Kohäsion) und gegenseitige Unterstützung entstehen und aufrechterhalten werden?
Das Gruppengeschehen eröffnet einen Raum, in dem auch Dynamiken von Spaltung und Ausgrenzung sowie die damit verbundenen Ängste reflektiert werden. Gleichzeitig möchte ich mit Ihnen den Blick auf intrapsychische und interpersonelle Prozesse, Gemeinschaftlichkeit und Verbundenheit trotz zunehmender Polarisierung richten.
Anhand von Fallbeispielen aus Gruppensituationen – auch im Rahmen von Kombinationstherapien sowie aus dem ambulanten und klinischen Setting – soll der Frage nach den Wirkfaktoren nach S. H. Foulkes und Irvin D. Yalom nachgegangen werden.
Aus aktuellem Anlass kann auch die Frage der Wertschätzung von Psychotherapie und der Solidarität innerhalb des Berufsstandes der Psychotherapeut:innen sowie zwischen unterschiedlichen psychotherapeutischen Schulen aufgegriffen werden. Die Bedeutung autonomer Gruppen im Rahmen der gruppenanalytischen Ausbildung, begründet von Michael Lukas Moeller auf der Basis der Gruppenanalyse nach S. H. Foulkes, wird dabei als ein besonderes Modell persönlicher Entwicklung, kollektiver Verbundenheit und
professioneller Solidarität diskutiert.
Die Erfahrungen und Fallbeispiele der Teilnehmer:innen sind ausdrücklich erwünscht. Das Seminar lebt vom Austausch und von Ihren Erfahrungen.
Dr. rer. nat. Dipl.-Psych. Axel Möhler
(Mo – Do 11:30 bis 13:00 Uhr)
Der peripartale Übergang erfordert einen komplexen Abgleich zwischen biographisch, familiär und gesellschaftlich geprägten inneren Bildern, Affekten und Erwartungen an den neuen Lebensabschnitt. Eltern sind „guter Hoffnung“, jedoch unmittelbar auch
mit all den Anforderungen konfrontiert, die die neue Lebensrealität, das Kind mit seiner individuellen Konstitution und die Neuorientierung in Partnerschaft, Herkunftsfamilie und Gesellschaft mit sich bringen. Diese besondere und für die Eltern-Kind-Beziehung nachhaltig prägende Zeit geht folglich oft, entgegen kulturübergreifend idealisierten Erwartungen, mit Überforderungserleben einher, das zur akuten psychischen Krise oder der Reaktivierung vorbestehender Vulnerabilität führen kann. Die Herstellung eines haltgebenden Umfeldes sowie spezifische, beziehungsorientierte psychotherapeutische Ansätze unter Einbezug von Eltern und Kind sind aus entwicklungspsychologischer Perspektive zu priorisieren, werden jedoch aus Unsicherheit oder Respekt vor Settingänderungen nur selten umgesetzt.
Im Seminar soll der psychodynamische Blick auf die frühe Elternschaft vertieft und ein Überblick zu peripartalen Risikokonstellationen und Störungsbildern vermittelt werden. Praxisbeispiele aus Therapien und gelungenen interdisziplinären Kooperationen sollen
dazu ermutigen, der Elternschaft in der Psychotherapie mehr Raum zu geben.
PD Dr. Susanne Mudra
PD Dr. Carola Bindt
(Mo – Do 11:30 bis 13:00 Uhr)
Psychotherapeutische Räume sind nicht nur Orte individueller Begegnung, sondern immer auch in gesellschaftliche Machtverhältnisse eingebettet. Erfahrungen von Zugehörigkeit und Solidarität ebenso wie Fremdheit, Irritation oder Ausschluss entstehen im Zusammenspiel innerpsychischer Prozesse und gesellschaftlicher Bedingungen.
Wir möchten im Seminar daher gemeinsam reflektieren, welche Verantwortung wir als Psychotherapeut:in für die Gestaltung von Räumen tragen, in denen unterschiedliche Erfahrungen, Perspektiven und Lebensrealitäten Platz finden können. Die Seminargruppe soll dabei als Resonanzraum dienen, in dem Differenzen und Irritationen offen besprochen und gemeinsam reflektiert werden können.
Ausgehend von Erfahrungen einer institutsinternen Arbeitsgruppe sowie eigenen Fallvignetten laden wir dazu ein, eigene Beispiele einzubringen – Situationen, in denen die therapeutische Dynamik von Diskriminierung, Zugehörigkeit, Ausschluss oder Entsolidarisierung herausgefordert wurde.
Ergänzend stellen wir in kurzen Inputs psychoanalytische sowie soziologische, feministische, intersektionale und postkoloniale Ansätze vor.
Ziel ist es, die eigene psychotherapeutische Praxis im Hinblick auf Zugehörigkeit, Ausschluss und solidarisches Handeln zu reflektieren und gemeinsam Perspektiven für einen diskriminierungssensiblen und differenzbewussten Umgang mit Vielfalt zu entwickeln.
Dipl.- Psych. Franziska Rosenow
M. Sc. Christian Veyhle

Referentin Bildungsmanagement, Albertinen Akademie
Org. Tagungsleitung PdT Langeoog, Albertinen Akademie